Jemandem auf die Pelle rücken. Sich jemanden vom Leib halten. Viele Redensarten beziehen sich auf den persönlichen Raum um uns herum. Und wie sagte Johnny zu Baby in Dirty Dancing? „Das hier ist mein Tanzbereich und das hier ist dein Tanzbereich!“ Auch wenn es im Zwischenmenschlichen nicht immer ums Tanzen geht, es ist uns meist nicht recht, wenn uns jemand zu nahe kommt. Denn wir haben (unsichtbare) Grenzen. Auch wenn wir sie nicht sprachlich äußern – unser Körper plaudert deutlich. Wir brauchen eigentlich nur die Körpersprache des Gegenübers wahrnehmen. Aber was ist der persönliche Raum überhaupt? Welche ungeschriebenen Gesetze gelten im Spiel zwischen Nähe und Distanz? Warum reagieren wir manchmal extrem, wenn uns jemand zu sehr auf den Leib rückt?

 

Das ist mein Tanzbereich… oder: Wieviel Platz braucht der Mensch?
 

Warum wir unseren Tanzbereich schützen

Besonders für unsere keulenschwingenden Vorfahren war es überlebenswichtig, immer ihren Raum „im Auge“ zu haben. Nur so konnten sie ihren Nachwuchs, Nahrungsvorräte, Leib und Leben schützen. Angriff oder Flucht sicherte ihr Überleben. Das alte Misstrauen gegenüber Fremden (oder Menschen, die uns unsympathisch sind) sitzt tief. Diese Urinstinkte werden auch heute noch geweckt, wenn uns jemand zu nahe kommt. Automatisch geht unser Körper in den Angriff-oder-Flucht-Modus. Atmung und Puls fahren hoch, die Muskeln spannen sich an und Adrenalin wird ausgeschüttet. Wir scannen genau die Situation: Müssen wir Angreifen oder Reißaus nehmen? Ein „ungutes Gefühl“ schleicht sich ein und meist reagieren wir mit Ablehnung, Rückzug, Aggression oder Ärger. Und mit Sicherheit führen wir so keine (guten) Gespräche.

 

Das hier ist mein Tanzbereich und das hier ist dein Tanzbereich! Es ist unangenehm, wenn uns jemand zu nahe kommt. Klick um zu Tweeten

 

Wer darf bis wohin – Unsere Raumblasen

Doch wo liegt unsere persönliche Sicherheitsgrenze? Der Anthropologe Edward T. Hall beforschte in den 60er Jahren unser Raumverhalten als Teil der nonverbalen Kommunikation. Seine Forschungen zum „Nähe-Empfinden“ taufte er Proxemik (v. Lat. proximare, sich nähern). Hall identifizierte vier Distanz-Zonen, die Menschen wie unsichtbare Blasen umhüllen.

  • Die öffentliche Zone beträgt mindestens drei Meter. Ein Abstand, bei dem wir uns auch Fremden gegenüber wohl fühlen. Auf der Straße oder in der Öffentlichkeit versuchen die meisten Menschen automatisch diesen Abstand zwischen sich und anderen einzuhalten.
  • Die soziale Zone von 1,20 bis 3 Meter nehmen wir beispielsweise gegenüber Verkäufern, Kollegen oder bei gesellschaftlichen Treffen ein.
  • Die persönliche Zone beträgt etwa eine Armlänge; die typische „Händeschüttel“-Distanz. Sie steht Freunden oder guten Bekannten offen. Hier wird über persönliche Themen gesprochen.
  • Die intime Zone erlaubt mit etwa 50 Zentimetern die größte Nähe. Hierein lassen wir Menschen, die wir wirklich mögen und denen wir vertrauen (Partner, Familie).

Für jede dieser Interaktionszonen gibt es bestimmte und sehr unterschiedliche Normen, Erwartungen und Verhaltensweisen. Die Abstände sollte man nicht zentimetergenau nehmen, denn die Größe der Raumblasen ist kulturabhängig. Andere Länder – andere Sitten – andere Distanzzonen. In vielen lateinamerikanischen Ländern ist das Distanzbedürfnis geringer als in Europa, in vielen asiatischen Ländern ist es größer. Neben kulturellen Unterschieden gibt es auch persönliche. Manche Menschen vertragen mehr Nähe und andere brauchen mehr Abstand. Wer wie nahe an uns heran darf, hängt bei Fremden auch davon ab, wie sympathisch er/sie uns ist und wie wir uns gerade selbst fühlen – wie weit wir uns öffnen wollen. Außerdem haben der soziale Status und die Situation Einfluss auf die Distanz.

 

 

Woran wir erkennen, das wir jemanden auf die Füße treten

Bist du schon mal jemanden zu nahe gekommen? Was hast du (bei dir und anderen) beobachtet? Wir verschließen uns, indem wir die Arme verschränken oder eng am Körper halten. Und wir wenden unseren Blick ab und signalisieren so: Kein Kontakt erwünscht. Sehr gut zu beobachten ist, das Zurückweichen. Geht dein Gesprächspartner Schritt für Schritt zurück, bist du ihm sprichwörtlich „auf die Füße getreten“. Gespräche, die durch den Raum wandern, waren einem der beiden zu nahe. Nimmst du diese Zeichen deines Gegenübers wahr, dann reagiere mit mehr Abstand. Körpersprache gehört zu einer guten Kommunikation. Und Körpersprache beginnt immer mit Wahrnehmung – bei dir selbst und des anderen.

 

 

Wie wir unser Raum (Territorium) verteidigen

Wie Hunde ihr Revier markieren, das kennen wir. Wir Menschen sind da etwas anständiger. Aber wir markieren unseren Raum auch – meist unbewusst. Wir bereiten uns aus, indem wir persönliche Gegenstände ablegen, etwa eine Tasche auf den Nachbarsitz in der Bahn oder ein Handtuch am Pool. Im Büro werden sämtliche Utensilien auf dem Tisch ausgebreitet. Die Arme nehmen manche gleich mit dazu. Auch Fotos, Topfpflanzen oder Ablagen schaffen hier Abstand und signalisieren: Das ist mein Revier!

 

Geht dein Gesprächspartner Schritt für Schritt zurück, bist du ihm sprichwörtlich auf die Füße getreten. Klick um zu Tweeten

 

Wenn Enge nicht vermeidbar ist

Manchmal ist für einen weiträumigen Abstand einfach kein Platz. Ich denke da an die Straßenbahn oder einen Fahrstuhl: hier kann es richtig eng werden. Man steht dicht an dicht. Es bleibt einem nichts anders übrig, als Fremde in die Intimzone eindringen zu lassen. Um unseren Angriff-oder-Flucht-Instinkt in Schach zu halten, schaffen wir eine Art Pseudodistanz, indem wir jegliche Blickkontakte vermeiden. Dann starren wir auf die Tasten im Fahrstuhl oder verschanzen uns in der Bahn hinter unserem Handy. Die Anderen behandeln wir als Unpersonen; als Objekte. Das klingt hart, hilft uns aber, nicht ständig die Zähne zu fletschen und Enge auszuhalten.

 

 

Wie man seinen Tanzbereich verteidigt – oder: Die kalte Schulter zeigen

Nun begegnen uns hin und wieder Menschen, die uns auf die Pelle rücken, ohne es zu merken. Dann weichen wir intuitiv zurück, doch sie folgen uns wie ein Magnet. Irgendwann ist die Wand erreicht. Die Falle ist zugeschnappt. An ein Gespräch ist nicht mehr zu denken. Wenn dir solch ein Mensch begegnet, verabschiede dich gleich oder versuche deinen Tanzbereich zu verteidigen. Dazu wende als erstes den Blickkontakt ab (nur nicht hin und wieder hinschauen!). Dann drehe dich seitlich weg. Zeige deine „kalte Schulter“. Jetzt müsste der Andere erst wieder eine Vierteldrehung um dich herum machen. Und das sieht nur schick aus, wenn ihr gerade Tanzen würdet.

Deinen persönlichen Bereich kannst du natürlich auch verbal verteidigen. Und warum nicht mal auf eine humorvolle Art, wie etwa „Das hier ist mein Tanzbereich und das hier ist dein Tanzbereich! Ich komm nicht in deinen und du kommst nicht in meinen.“

 

Bild: pixabay.com

 

 

Bianca Grünert

Bianca Grünert

Die Stärkenreporterin

Ich arbeite mit Menschen, die vor Menschen sprechen.
Mein Job ist es, dass sie selbstbewusst auftreten, „Handwerkszeug“ und Technik für gutes Präsentieren bekommen, sicherer beim Reden werden und Ausstrahlung gewinnen.
Kurz: Ich mache Menschen fit für die kleine und die große Bühne, damit sie selbstbewusst auftreten und reden.

Mein Motto: Von innen leuchten. Nach außen strahlen.
Bianca Grünert